.... ein Meilenstein aus Berlin.

Berliner Lektionen

Von Tobias Ebbrecht

Man k?nnte meinen, der andauernde Streit ?ber die islamkritischen Mohammed-Karrikaturen w?re ein Publicity-Gag f?r die diesj?hrige Berlinale. Als h?tte h?tten die Organisatoren es geahnt, besch?ftigen sich zahlreiche Filme in den verschiedenen Sektionen mit dem Thema ?Islam und der Westen?.

W?hrend der Wettbewerbsbeitrag ?Road to Guantanamo? und der au?er Konkurrenz laufende ?Syriana? den Blick auf die ?gro?en? Krisenherde richten und Realit?tseindruck mit effekthascherischer ?berw?ltigung der Zuschauer vermengen, verweilen einige Filme in den ?kleineren? Sektionen in den Suburbs und Vorst?dten europ?ischer Metropolen.

Die Tatsache, dass die Attent?ter von London aus der Mitte der britischen Gesellschaft kamen, das Erschrecken ?ber die gewaltt?tigen Bandenstrukturen und Aufst?nde in den Pariser Vorst?dten und die steigende Akzeptanz religi?ser F?hrer und islamistischer Gruppen unter muslimischen Jugendlichen scheinen Ausl?ser f?r eine Reihe von Filmen zu sein, die die vorgefertigten Raster der Berichterstattung verlassen und auch bereit sind, die falsch verstandene kritiklose und unhinterfragte Toleranz im Namen des Multikulturalismus gegen eine k?nstlerisch-kritische Auseinandersetzung einzutauschen, die sich dennoch bem?ht, rassistische Stigmatisierungen oder Stereotype zu vermeiden. Filme wie ?Hamburger Lektionen?, ?Knallhart? oder ?1:1? erz?hlen die Geschichten fehlender Integrationsm?glichkeiten und fehlender Integrationsbereitschaft.

Sie versuchen den Hintergr?nden und Strukturen des Hasses auf die Spur zu kommen, nicht immer mit Erfolg und mitunter eingezw?ngt durch die selbst gew?hlten Erz?hlstrukturen.

Aus den europ?ischen Vorst?dten

Der deutsche Spielfilm ?Knallhart? von Detlef Buck erz?hlt die Geschichte eines jungen Deutschen, der nach dem Umzug vom gut-b?rgerlichen Stadtteil Zehlendorf nach Neuk?lln unsanft in die brutale Realit?t von Banden, Erpressung, Kriminalit?t und Raub hineingezogen wird.

In harten und direkten Bildern zeigt Buck die Brutalit?t und Gewaltbereitschaft der Jugendlichen und die Netzwerke, die sie sich zu ihrem Schutz und zur Ausweitung ihrer eigenen Herrschaftssph?re bauen. Obwohl man Bucks Versuch, mit ?Knallhart? aus dem ihm zugeschriebenen Kom?dienfach zu entfliehen und sich ernsthafteren Themen zuzuwenden, honorieren muss, erinnert der Film doch streckenweise an die ?sthetik des sozialkritischen Fernsehspiels der 80er und 90er Jahre.

Vielleicht liegt darin einer der Gr?nde, dass Bucks Geschichte trotz ihrer Unmittelbarkeit seltsam oberfl?chlich bleibt. Dies liegt sicher nicht an den hervorragenden Jungschauspielern, sondern vielmehr an der stereotypen Anlage der Handlung, die sich trotz der Thematisierung von Bandenkriminalit?t und Jugendgewalt merkw?rdig bedeckt h?lt, wenn es um die gesellschaftlichen und sozialen Katalysatoren dieser Ph?nomene geht.

Islamistische Tendenzen und steigende Attraktivit?t von Religion spielen in ?Knallhart? ?berhaupt keine Rolle. Im Gegenteil erscheint die Bindung an Familie, Tradition und Religion eines arabischen Drogendealers als beinahe positives Gegenst?ck zur verrohten und sinnlosen Stra?engewalt und zu den zerr?tteten deutschen Familien. Hier ist der d?nische Spielfilm ?1:1? von Annette Olsen? genauer.

In einer Hochhaussiedlung von Kopenhagen wird ein Jugendlicher zusammengeschlagen von einem Sicherheitsmann gefunden. Der Junge lebt mit seiner Mutter S?s und seiner Schwester Mie in einem der Hochh?user. S?s, eine Sozialarbeiterin, hatte immer darauf bestanden, in diesem sozialen Brennpunkt wohnen zu bleiben, obwohl die meisten wei?en D?nen die Gegend in den letzten Jahren verlassen hatten. Ihre Tochter Mie ist mit dem jungen Pal?stinenser Shadi zusammen, dessen Eltern aber von der Beziehung zu einer D?nin nichts wissen d?rfen. Shadi verd?chtigt seinen eigenen Bruder Tareq, Mies nun im Koma liegenden Bruder zusammengeschlagen zu haben.

Ausgehend von diesem Konflikt bem?ht sich Olsen die komplexe Struktur von Selbstabgrenzung, Integrationsverweigerung, Ausgrenzung und Mi?trauen zu zeigen, ohne in Vereinfachungen abzugleiten. Shadi ist keinesfalls nur heldenhafter Freund, sondern verleugnet auch seine Beziehung, ordnet sich dem Diktat der Familie unter und steigert sich in einen gewaltt?tigen Wutausbruch gegen Mie hinein. Mie ist keinesfalls nur tolerant, sondern beginnt sich von Shadi abzugrenzen, als sie merkt, dass dessen Bruder in den Angriff auf ihren Bruder verwickelt sein k?nnte.

Der Boxlehrer Mo und sein integratives Boxprojekt sto?en an ihre Grenzen, als Mo beginnt, die Nachforschungen des Sicherheitsmannes Ole zu verhindern, um Tareqs Teilnahme an den Boxmeisterschaften nicht zu gef?hrden. Schlie?lich vermeidet Olsen auch eine irgendwie geartete L?sung. Der Konflikt kann auf individueller Ebene nicht gel?st werden. Er bleibt bestehen und das Ende offen. Doch auch hier werden politische und religi?se Kontexte weitgehend ausgespart und so vermeidet der Film auch allzu anst??ige Kritik.

Hamburger Lektionen

Beim Thema Islamismus scheint das Kino in einer Starre zu verharren. Das Diktum multikultureller Toleranz verstellt oft den Zugang zu den widerspr?chlichen Geschichten. Was nicht gedacht werden darf, soll nicht gezeigt werden.

Dadurch aber wird auch keine Auseinandersetzung mit der Realit?t m?glich. Bei diesem Thema wird das Kino trotz aller politischer Selbstbekenntnisse, die auf der Berlinale ?berall zu h?ren sind, seiner Aufgabe, dem Publikum die realen gesellschaftlichen Konflikte in k?nstlerisch bearbeiteter Form zur?ckzuspiegeln und so ein eigenst?ndiges Urteil zu erm?glichen, nicht gerecht.

Neue ?sthetische Formen, die einen anderen Zugang erm?glichten, sind auf dem Festival kaum auszumachen.
Eine Ausnahme ist dabei Romuald Karmakars ?Hamburger Lektionen?. Man kann nicht genau sagen, ob es sich bei dem beinahe zweieinhalb Stunden langen Film um eine Dokumentation oder einen Spielfilm handelt.

Karmakar l??t den Schauspieler Manfred Zapatka eine Predigt des Hamburger Imams Mohammed Fazazi vortragen. Zapatka spricht vor neutralem Hintergrund. Er tr?gt eine Lesebrille und einen Anzug. Nichts erinnert an einen Imam oder die Situation in einer Moschee. Auch im Ausdruck bem?ht sich Zapatka nicht zu spielen oder andere Bilder im Kopf der Zuschauer heraufzubeschw?ren, als die, die aus dem Gesagten resultieren.

Karmakar hatte dieses Prinzip der Dramatisierung eines Dokuments bereits 2000 in seinem Film ?Das Himmler Projekt? eingesetzt. In diesem Film lie? er Zapatka die Geheimrede Himmlers vor den SS-Mannschaften in Posen vortragen, in der Himmler die historische Aufgabe der SS beschrieb, seine eigenen rassetheoretischen Gedanken ?ber die ?slawischen
Untermenschen? entwickelte und auch auf die Vernichtung der Juden einging. Diese Rede wurde damals auf Wachsplatten aufgezeichnet. Ausz?ge daraus waren abgeschrieben und in mehreren Prozessen gegen NS-T?ter verwendet worden. Doch die transkribierten Versionen waren immer bereinigte Abschriften.

Daher lie? Karmakar die Rede f?r seinen Film erneut transkribieren. S?mtliche Versprecher und logischen und rhetorischen Br?che wurden beibehalten. Auch im ?Himmler-Projekt? sollte Zapatka in neutraler Art vortragen und jede Dramatisierung und Inszenierung des Nazi-T?ters vermeiden, um so die volle Aufmerksamkeit des Publikums auf das Gesagte, die Binnenstruktur des Denkens von Himmler zu lenken. Das Kinopublikum befand sich dadurch gleichzeitig auf der Position der zuh?renden SS-Mannschaften.

Predigt im Kinosaal

Nun stellt Karmakar in ?Hamburger Lektionen? wieder eine halb?ffentliche Rede nach. Die Reden Fazazis, die dieser w?hrend des Fastenmonats Ramadan im Januar 2000 in einer Hamburger Moschee hielt, wurden damals auszugsweise auf Video mit geschnitten und kursierten in islamischen und islamistischen Kreisen. Teile der transkribierten Rede wurden auch bei den Antiterrorprozessen in Hamburg eingesetzt. Bis heute sind die Bilder allerdings kaum ?ffentlich zug?nglich.

F?r ?Hamburger Lektionen? lie? Karmakar die Rede neu aus dem arabischen ?bersetzen und f?gte Anmerkungen hinzu, um religi?se Zusammenh?nge n?her zu erkl?ren. Zentral bei ?Hamburger Lektionen? ist die gewollte Distanz, die der Film zu den bekannten Bildern von islamischen Predigern und Islamisten herstellt.

Zu Beginn kl?rt ein Rolltitel ?ber Fazazis Werdegang auf und stellt den Kontext der Reden, die an zwei aufeinanderfolgenden Tagen gehalten wurden, vor. Man sieht lediglich unkommentierte Au?enaufnahmen der unscheinbaren Moschee im Hamburger Stadtteil St. Georg. Was zun?chst als religi?se Belehrung erscheint, die durchaus ?hnlichkeiten zu Predigten katholischer oder evangelischer Geistlicher aufweisen, offenbart im weiteren Verlauf eine erschreckende Struktur. Immer wieder kn?pft Fazazi an allt?gliche Probleme der in Deutschland lebenden Muslime an und versucht die religi?sen Ratschl?ge und Regeln auf diese Probleme zu beziehen. Ganz direkt wendet er sich Fragen zu, die aus dem Publikum gestellt werden.

Doch ausgehend von diesen Alltagsproblemen stellt er ein festgef?gtes Regelwerk auf, das auf zwei Grundprinzipien basiert. Zun?chst ist es Ausdruck der Verweigerung von Erneuerung und Modernisierung. Zum zweiten enth?lt es einen allumfassenden, bindenden und vollst?ndig alle Fragen erkl?renden Anspruch. Die an diesen Stellen der ansonsten scheinbar harmlosen ersten Rede deutlich werdenden dichotomen und autorit?ren Denkstrukturen verdichten sich dann in der zweiten Rede, in der der Imam einige der Fragen noch einmal genauer beleuchtet.

Diese Passage enth?lt deutliche Aufrufe zum heiligen Krieg gegen ?die Ungl?ubigen?. In beinahe philosophischer Genauigkeit kategorisiert Fazazi ?die Ungl?ubigen? und arbeitet heraus, dass alle nichtislamischen L?nder und alle dort lebenden Nichtmuslime Feinde oder feindlich gesinnte Krieger seien. Besonders auf die Intellektuellen, Journalisten und Politiker geht Fazazi ein, um herauszustellen, dass diese ? wenn auch keine Krieger ? so doch durch ihre Worte (und aktuell sollte man hinzuf?gen: auch durch ihre Bilder) zu den Feinden z?hlten. Was scheinbar harmlos mit der Frage beginnt, ob es erlaubt sei, Ungl?ubige zu bestehlen, m?ndet schlie?lich in der Anklage gegen den Westen und der Formulierung des ?berlegenheitsanspruches des Islam.

Strukturen des Herren-Denkens

?hnlich wie in Himmlers Geheimrede wird durch den Kontext des gesamten Dokuments die innere Logik dieses Wahns deutlich. Das penible und genaue Herausarbeiten der Definitionen und die freie Entwicklung des Herren-Denkens findet sich bei Fazazi ebenso wie bei Himmler. Beinahe noch erschreckender sind die Strukturen des Andeutens und des Einverst?ndnisses, die beide Reden durchziehen. Viele seiner Urteile ?ber ?die Ungl?ubigen? und den Westen macht Fazazi nicht explizit. Er enth?lt sich der letzten Bewertung und schiebt lediglich ein ?Gott wei? es besser...? nach. Doch in den Reaktionen der Gemeinde, dem Lachen, den Zurufen, den Machtdemonstrationen (?Gott ist gro?), die als Texte eingeblendet werden, wird deutlich, dass sein Publikum Fazazis Worte durchaus richtig zu deuten in der Lage ist.

Erst am Ende des Films gibt Karmakar dem Publikum die Information, dass zu den regelm??igen Besuchern von Fazazis Predigten auch die Hamburger Attent?ter vom 11. September geh?rten. Auch wenn man nicht sagen kann, ob diese bei den Reden am Ramadan 2000 anwesend waren, ist doch sicher, dass die Attent?ter um Mohammed Atta engen geistlichen Kontakt zu Fazazi pflegten. Auch gilt Fazazi als einer der Anstifter zu den Anschl?gen in Casablanca. Zurzeit sitzt er in Marokko eine Gef?ngnisstrafe ab, nachdem er aus Deutschland ausgewiesen wurde.

Regisseur Karmakar betont, dass die Reden als ein ?Text aus Deutschland? begriffen werden sollen: ?Von jemandem, der in engem Kontakt stand zu Personen, die ein Verbrechen begangen haben, das meiner Ansicht nach auch in Deutschland, aus unserer Gesellschaft heraus, initiiert wurde. Der Film bietet die M?glichkeit, die Binnenlogik dieses Denkers und Predigers kennen zu lernen ? mehr nicht.?

Die Urteile bleiben den Zuschauern selbst ?berlassen. Diese m?ssen sich auch mit eigenen autorit?ren Denkstrukturen auseinandersetzen und k?nnen sich nicht mehr an einfache L?sungen wie die Abschiebung von Hass-Predigern halten. So tritt die Gefahr des Appeasments, das beispielsweise die deutsche Gesellschaft gegen?ber dem Islam und in seinem Namen ge?u?erten Allmachtsphantasien an den Tag legt, offen zu Tage. Dadurch erreicht Karmakar mehr f?r das kritische Verst?ndnis der Logik und Denkweise des radikalen Islams und damit auch die Einsch?tzung der gegenw?rtigen Situation, als die sozialkritischen Bearbeitungen von Alltagserfahrungen und ihre subjektivistische Vereinfachung oder k?nstlerische Verharmlosung. Vielmehr w?hre es n?tig, Muslime, besonders Jugendliche und Frauen, bei der Flucht vor dieser autorit?r und aggressiv strukturierten Denk- und Handlungslogik zu unterst?tzen.

Realit?tsfiktion zwischen Roadmovie und Gef?ngnisfilm

Stattdessen ist aber der wohl weitaus publikumswirksamere Blick auf die Thematik der einer Realit?tsfiktion. Im Wettbewerb pr?sentiert sich Michael Winterbottoms Dokudrama ?Road to Guantanamo? als wirklichkeitsgetreue Abbildung der Realit?t. Der Film handelt ?ber eine Gruppe von jungen Briten pakistanischer Herkunft, die kurz nach den Anschl?gen vom 11. September 2001 zur Hochzeit eines Freundes nach Pakistan fahren. Dort angekommen entschlie?en sie sich spontan nach Afghanistan zu reisen. Dort geraten sie mitten in die kriegerischen Auseinandersetzungen, werden gefangen genommen und f?r mehrere Jahre in das amerikanische Gef?ngnislager in Guantanamo auf Kuba verschleppt.

Als sie nach Afghanistan reisen, sind es nur noch wenige Tage bis zum Angriff der internationalen Allianz auf das von den Taliban kontrollierte und unterdr?ckte Land. Die Absurdit?t, die in dieser Idee liegt, f?llt in ?Road to Guantanamo? jedoch nicht weiter auf. In eingeblendeten Interviewsequenzen erkl?ren die jungen M?nner, sie h?tten ?ihren Br?dern? in Afghanistan helfen wollen.

Der Film, der die Erz?hlungen mit inszenierten Spielszenen und einmontierten Nachrichtensequenzen sowie Archivmaterial illustriert, suggeriert "?einfach ein gro?es Abenteuer?, bzw. eine ?Selbstfindungsreise nach dem Schulabschluss? wie Regisseur Winterbottom anmerkt.

Die Betonung des unpolitischen Charakters, die Diskrepanz zwischen Repressionsmaschinerie und naiver Unschuld ist das Leitmotiv von ?Road to Guantanamo?. Darum zeigen die ersten Bilder der Films auch Aufnahmen von George W. Bush, der erkl?rt, bei den Gefangenen auf Kuba handele es sich ausnahmslos um b?se und verbrecherische Gesellen.

Was w?re passiert, wenn statt Bush in den ersten Sekunden die Bilder von den einst?rzenden Zwillingst?rmen in New York zu sehen gewesen w?ren? W?re dann auch alles einfach absurd?

?Road to Guantanamo? wechselt vom Roadmovie zum Kriegsfilm bis zum Gef?ngnisdrama. Wir sehen die Jungen bei ihrer Reise nach Afghanistan, sehen sie dort gelangweilt und von Krankheiten gesch?ttelt w?hrend im Hintergrund die amerikanischen Bomben einschlagen. Wer Hans Christian Blumenbergs und Guido Knopps Dokudrama ?Die letzte Schlacht? ?ber einfache Deutsche w?hrend der letzten Tage vor der Kapitulation Berlins gesehen hat, erinnert sich unwillk?rlich an diese ?sthetik des ?historischen Ereignisfernsehens?, die suggestive Mischung von dokumentarischem Filmmaterial mit Spielszenen, die Interviewsplitter vor neutralem Hintergrund, die dramatisierende und fiktionalisierende Musik, die Kombination von Authentisierungsstrategie und Subjektivierung von Geschichte.

Politisches Effekt-Kino

In diesen Trend zur Dokudramatisierung, zum Verschwinden jedes Unterschieds im Status der Bilder, pa?t ?Road to Guantanamo? perfekt. Stolz berichtet der Produzent und Partner Winterbottoms Andrew Eaton, wie man Archivmaterial aus den Gef?ngnissen in Afghanistan und auf Kuba unter die Spielszenen gemischt habe: ?ich glaube, man sieht den Unterschied zwischen dem Archivmaterial und unseren Szenen kaum.?

Winterbottom betont immer wieder, man erz?hle die Geschichte wie sie tats?chlich gewesen sei. Gleichzeitig nehme man aber nur die Perspektive der drei Jugendlichen ein. Auch habe man sich nicht um weitere Recherche bem?ht: ?Wir erz?hlen ihre Geschichte in ihren Worten, und wir versuchen, ihre Version der Ereignisse wiederzugeben, in der gleichen Art, wie auch ein Anwalt ihre Version darstellen w?rde. Uns ging es
nicht um den Versuch, von einem unparteiischen Standpunkt aus das, was sie uns erz?hlten, zu ?berpr?fen oder nachzuweisen.?

Zwischen dem hier formulierten Anspruch und der gew?hlten ?sthetischen Umsetzung gibt es jedoch einen tiefen Widerspruch. Denn im Gegensatz zur behaupteten subjektiven Perspektive suggerieren die authetifizierenden Bilder Objektivit?t. Gleichzeitig zieht der Fiction-Charakter die Zuschauer in die Geschichte hinein. Die dramatisierende Musik und die Verwendung von bekannten Genremustern insbesondere aus dem Gef?ngnisdrama lenken die Zuschauer in eine eindeutige Richtung. Was also als objektiv, n?chtern und dokumentarisch behauptet und aufgefa?t wird, ist tats?chlich eine Realit?tsfiktion. Dies soll nicht die schrecklichen Erfahrungen der Jugendlichen in den Gef?ngnissen in Afghanistan und Guantanamo verharmlosen. Kritisiert werden mu? ihre ?sthetische Umsetzung.

Denn der Film zielt in erster Linie auf den Effekt. Um die tats?chlichen Erfahrungen geht es nicht. Was in den Interviewsequenzen erz?hlt wird, sind blo?e Stichworte, die meist durch die nachfolgenden Bilder verdoppelt werden. Die Bilder versuchen an keiner Stelle einen k?nstlerischen Ausdruck herzustellen, der eine subjektive Erfahrung ausdr?ckt oder emotional nachvollziehbar macht, sondern sie produzieren den Eindruck von Evidenz und Faktizit?t. Winterbottom behauptet:?Es geht um den Kontrast zwischen der chaotischen und vielschichtigen Realit?t und dem Leben und Empfinden realer Menschen einerseits und der Schwarzwei?-Darstellung von Bush und Blair andererseits.? Aber f?r diesen Anspruch gibt es keine formale Entsprechung. In seinem Fl?chtlingsdrama ?In this World?, das den Goldenen B?ren der Berlinale 2003 gewann, dominiert noch die beobachtende Kamera.

In ?Road to Guantanamo? ist alles f?r die Linse inszeniert. Selbst das Chaos ist ein visueller Effekt. Filme wie ?The Thin Blue Line? ?ber einen in einer amerikanischen Todeszelle sitzenden H?ftling, nehmen tats?chlich die Rolle eines Anwalts ein, indem sie rekonstruieren, Fragen stellen und k?nstlerische Ausdrucksformen, wie die abstrakte und stilisierte Rekonstruktion nutzen, um M?gliches und Denkbares zu visualisieren und so der Wahrheit n?her zu kommen. All diese Filme verschleiern nicht die Fiktionalit?t, sondern machen sie vielmehr sichtbar. ?Road to Guantanamo? geht den umgekehrten Weg. Nach Winterbottom ist das Ziel des Films, ?die Kluft zwischen diesem imagin?ren Bild der Leute in Guantanamo und den wirklichen Menschen hinter diesem Bild zu zeigen?. Dies ist mi?lungen. Denn ?Road to Guantanamo? objektiviert einen Ausnahmefall ohne jede selbstreflexive Bewegung und ohne jede Form von Bruch oder Verfremdung, wie sie Karmakar in ?Hamburger Lektionen? herstellt. Damit wird der Film weder seinen Protagonisten und ihren traumatischen Erfahrungen gerecht, noch kann er das Ph?nomen Guantanamo erfassen. Erst recht begreift er nicht die Ideologie und Funktion des Islamismus und seine Bedrohung. Dies will dieser Film auch gar nicht. Im Gegenteil dient er dazu, die politischen Dimensionen zu derealisieren.

Dass diese Fiktionalisierung gleichzeitig von einer Authentifizierung begleitet wird, verweist auf die gegenw?rtige in sich geschlossene ?sthetik des politischen Films. Sie trifft genauso auf die Dokumentarfiktionen eines Michael Moore zu wie auf Spielfilme wie ?Paradise Now? oder ?Der Untergang?. Diese Filme dichten sich hermetisch gegen die Erfahrung ab, transformieren sie in einen k?nstlich generierten Effekt. Ein Film wie ?Hamburger Lektionen?, der abstrahiert, eine Distanz aufbaut und die Macht der Bilder zur?ckdr?ngt und damit zu einer bewu?ten Wahrnehmung zwingt, wird kaum ein gro?es Publikum erreichen. ?Road to Guantanamo?, der ?hnliche Verfahren nutzt wie die deutschen historischen Dokudramen von Guido Knopp oder Heinrich Breloer, wird im M?rz im britischen Fernsehen zu sehen sein.

Quelle.

17.2.06 17:30

bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)


 Smileys einfügen