Jahresrückblicke gehen selten über das Aufzählen von Katastrophen, welche gerne vom Feuilleton auch als ‚Höhen und Tiefen’ verbrämt werden, hinaus. Warum? Diese unzähligen Kleinstkatastrophen versperren den Blick für die einzig wahre Katastrophe, dem eigenen beschädigtem Leben.
Und da es extrem schmerzhaft für das Subjekt wäre, sich jedes Silvester aufs Neue damit abzufinden, dass es auch in diesem Jahr keinen Ausweg aus dem Dilemma geben wird, muss so getan werden, als könnte man wenigstens die kleineren Übel abstellen. So wird dann auch immer regelmäßig zu Silvester der Schwur abgelegt im neuen Jahr keine Zigaretten mehr zu rauchen, sich mehr Zeit für die Kinder zu nehmen oder nicht mehr die Nachbarsfrau zu vögeln, weil sonst die eigene den Abflug macht.
Da diese hilflosen Versuche, wie jedes Jahr, spätestens in der zweiten Jahreshälfte scheitern, möchte ich mit zusammen gewürfelten Zitaten aus dem Buch ‚Minima Moralia’ von Theodor W. Adorno dem geneigten Leser schon jetzt ein wenig beim Scheitern behilflich sein.
* Vorwärts wie rückwärts…
„Mit Schrecken muß man einsehen, dass man oft früher schon, wenn man den Eltern opponierte, weil sie die Welt vertraten, insgeheim das Sprachrohr der schlechteren Welt gegen die schlechte war. Unpolitische Ausbruchsversuche aus der bürgerlichen Familie führen in deren Verstrickung meist nur um so tiefer hinein, und manchmal will es scheinen, als wäre die unselige Keimzelle der Gesellschaft, die Familie, zugleich auch die hegende Keimzelle des kompromisslosen Willens zur anderen. Das Ende der Familie lähmt die Gegenkräfte. Die heraufziehende kollektivistische Ordnung ist der Hohn auf die ohne Klasse: im Bürger liquidiert sie zugleich die Utopie, die einmal von der Liebe der Mutter zehrte.“
„Die Ehe, deren schmähliche Parodie fortlebt in einer Zeit, die dem Menschenrecht der Ehe den Boden entzogen hat, dient heute meist dem Trick der Selbsterhaltung: dass einer der beiden Verschworenen jeweils die Verantwortung für alles Üble, das er begeht, nach außen dem anderen zuschiebt, während sie in Wahrheit trüb und sumpfig zusammen existieren. Eine anständige Ehe wäre erst eine, in der beide ihr eigenes unabhängiges Leben für sich haben, ohne die Fusion, die von der ökonomisch erzwungenen Interessensgemeinschaft herrührt, dafür aber aus Freiheit die wechselseitige Verantwortung füreinander auf sich nähmen. Die Ehe als Interessensgemeinschaft bedeutet unweigerlich die Erniedrigung der Interessenten, und es ist das Perfide der Welteinrichtung, dass keiner, wüßte er auch darum, solcher Erniedrigung sich entziehen kann.“
"Sobald Menschen, auch gutartige, freundliche und gebildete, sich scheiden lassen, pflegt eine Staubwolke aufzusteigen, die alles überzieht und verfärbt, womit sie in Berührung kommt. Es ist, als hätte die Sphäre der Intimität, das unwachsame Vertrauen des gemeinsamen Lebens sich in einen Giftstoff verwandelt, wenn die Beziehungen zerbrochen sind, in denen sie beruhte. Das Intime zwischen Menschen ist Nachsicht, Duldung, Zuflucht für Eigenheiten. Wird es hervorgezerrt, so kommt von selber das Moment der Schwäche daran zum Vorschein, und bei der Scheidung ist eine solche Wendung nach außen unvermeidlich. Sie bemächtigt sich des Inventars der Vertrautheit. Dinge, die einmal Zeichen liebender Sorge, Bilder von Versöhnung gewesen sind, machen sich plötzlich als Werte selbstständig und zeigen ihre böse kalte verderbliche Seite. Professoren brechen nach der Trennung in die Wohnung ihrer Frau ein, um Gegenstände aus dem Schreibtisch zu entwenden, und wohldotierte Damen denunzieren ihre Männer wegen Steuerhinterziehung."
"Die praktischen Ordnungen des Lebens, die sich geben, als kämen sie den Menschen zugute, lassen in der Profitwirtschaft das Menschliche verkümmern, und je mehr sie sich ausbreiten, um so mehr schneiden sie alles Zarte ab. Denn Zartheit zwischen den Menschen ist nichts anderes als das Bewusstsein von der Möglichkeit zweckfreier Beziehungen, das noch die Zweckverhafteten tröstlich streift; Erbteil alter Privilegien, das den privilegienlosen Stand verspricht. Die Abschaffung des Privilegs durch die bürgerliche ratio schafft am Ende auch dies Versprechen ab."
"Menschen, die zusammengehören, sollten sich weder ihre materiellen Interessen verschweigen, noch auf sie nivellieren, sondern sie reflektiert in ihr Verhältnis aufnehmen und damit über sie hinausgehen."
"Die Kunst bestünde darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, daß das Privateigentum einem nicht mehr gehört, in dem Sinn, daß die Fülle der Konsumgüter potentiell so groß geworden ist, daß kein Individuum mehr das Recht hat, an das Prinzip ihrer Beschränkung sich zu klammern; daß man aber dennoch Eigentum haben muß, wenn man nicht in jene Abhängigkeit und Not geraten will, die dem blinden Fortbestand des Besitzverhältnisses zugute kommt. Aber die Thesis dieser Paradoxie führt zur Destruktion, einer lieblosen Nichtachtung für die Dinge, die notwendig auch gegen die Menschen sich kehrt, und die Antithesis ist schon in dem Augenblick, in dem man sie ausspricht, eine Ideologie für die, welche mit schlechtem Gewissen das Ihre behalten wollen. Es gibt kein richtiges Leben im falschen."
Peeeeeeee*
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gorki / Website (6.1.06 15:18) Schade dass es es Opfern wie dir nicht verboten ist Adorno zu zitieren! |
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Partisan supporter from the no (10.1.06 23:30) Schön das wir in einer Welt leben in der du nichts zu melden hast. Keep on rockin Partisan!!! |