Völkisch und ragend: Heideggers Nähe zum Nationalsozialismus
Daß Martin Heidegger über lange Jahre die Nähe zur Ideologie und zum Staat des Nationalsozialismus aktiv gesucht hat, sollte nach den detailliert biographischen Untersuchungen der beiden letzten Jahrzehnte heute kein Erstaunen oder intellektuelles Schaudern mehr auslösen. Die Sprache der Fakten ist zu deutlich, um Spielraum für Beschönigungen zu lassen, zu deutlich auf der anderen Seite aber auch, um dämonisierenden Spekulationen über Heideggers absolute Linientreue oder gar entscheidenden politischen Einfluß Vorschub zu geben, wie sie jüngst noch einmal der französische Philosoph Emmanuel Faye unternommen hat
Seit den frühen dreißiger Jahren und wohl bis zum Ende des Weltkrieges wollte sich Heidegger als guter Nationalsozialist und guter Deutscher bewähren und ist dabei, zu seiner bitteren Enttäuschung, von den Machthabern und ihren Institutionen mit heute fast grotesk wirkender Konsequenz ignoriert worden.
Die eine Frage, die im Hinblick auf diese Sachlage jetzt Aufmerksamkeit verdient, ist eine nicht mehr auf Fakten bezogene Frage, die Jacques Derrida schon 1988, bei einem seiner ersten Seminare in Deutschland, beiläufig gestellt hatte. Es ist die Frage, ob Heidegger auch ohne seine Nähe zum Nationalsozialismus zu einem der großen Denker des vergangenen Jahrhunderts hätte werden können. Richard Rorty hat sie für sich längst positiv beantwortet mit einem Text, der "eine andere Welt" phantasiert, in der Heidegger mit
einer jüdischen Frau verheiratet ist und so als politisch Verfolgter Deutschland verlassen muß.
Doch welche Folgen ergäben sich, wenn am Ende der Diskussion, trotz Rorty, die Meinung überwiegen würde, daß Heideggers Nähe zum Nationalsozialismus tatsächlich eine entscheidende Bedingung für die Bedeutung seiner Philosophie war? Ein solches Ergebnis, soviel läßt sich voaussagen, würde Heideggers intellektuellen Rang heute wohl kaum mehr in Frage stellen, weil wir den Wert philosophischer Gedanken und Argumente weniger (wie noch vor einem Vierteljahrhundert) nach ihrer praktisch- politischen Wirkung beurteilen als nach ihrem Potential, Bewegungen des Denkens auszulösen, die unsere Alltagsvernunft herausfordern. Aber würde es auf der anderen Seite nicht wie ein Beitrag zur intellektuellen Rehabilitierung des Nationalsozialismus aussehen, wenn man seine Ideologie und seine politische Geschichte als Voraussetzungen für Heideggers Philosophie identifizierte?
Solchem Nachdenken über mögliche Antworten muß aber zunächst die andere, hermeneutische Frage vorausgehen, wie sich Derridas übergreifende Ausgangsfrage in spezifische Teilfragen umsetzen läßt. Es geht hier zugleich um Gründe für die Kontinuität von Heideggers Faszination durch den Nationalsozialismus und um deren sich mehrfach wandelnde Modalitäten in der Zeit vor 1933, in dem langen Jahr zwischen Hitlers Machtergreifung und dem Scheitern von Heideggers Freiburger Rektorat und schließlich in der verbleibenden Zeit bis hin zum Kriegsende.
Damit eröffnet sich der Blick auf einen denkbaren Zusammenhang zwischen der Geschichte des Nationalsozialismus und der Entwicklung von Heideggers Philosophie - ganz unabhängig davon, ob man diese Entwicklung im Ereignis einer "Kehre" kondensiert sieht, was derzeit nur noch wenige Kenner zu überzeugen scheint. Unbezweifelt bleibt allein, daß sich während der Zeit des Dritten Reichs der Schwerpunkt in Heideggers Denken verschoben hat von den existentialistischen Belangen des menschlichen "Daseins" und seiner "Eigentlichkeit" hin zur "Entbergung des Seins" als "Wahrheitsereignis".
Vor allem in "Sein und Zeit", Heideggers schon 1927 veröffentlichtem berühmtesten Buch, wird deutlich, wie sehr der frühe Heidegger auf die angeblich in der Geschichte des "Volkes" freiwerdende Dynamik als Ursprung der Wahrheit setzte. Dort steht der berühmte Satz vom "Geschick" des Menschen, das im "Geschehen der Gemeinschaft, des Volkes" liege. In diesem Sinn hat Heidegger offenbar den Aufstieg Hitlers als eine völkische Revolution erfahren wollen und - mit
ehrgeizigen Plänen für sich selbst, doch ohne politisches Talent - zu befördern versucht. Das belegen philosophisch zentrale ebenso wie peinlich opportunistische Texte aus jenen Jahren und vor allem Heideggers Stil in der Amtsführung seines kurzen Rektorats. Er betrieb den aufkommenden Kult für die Opfer und Vorkämpfer der nationalsozialistischen Bewegung, er schätzte es, wenn Studenten und Bewunderer im Braunhemd an seinen Seminaren teilnahmen, und deshalb lag ihm auch daran, daß vor seiner Rektoratsrede am 27. Mai 1933 das Horst-Wessel-Lied gesungen wurde.
Daß erstaunlich wenige Kollegen und Ministerialbeamten für das Projekt einer nationalen Revolution an der Universität zu gewinnen waren, zählte zu den Gründen für Heideggers Rücktritt vom Rektorat im April 1934. Es ist ein Verdienst von Emmanuel Fayes Buch, auf Heideggers in den folgenden Monaten aufkommende Frage nach "unserem Staat in sechzig Jahren" hingewiesen zu haben, der "bestimmt nicht mehr vom Führer getragen wird".
Zunächst blieb diese Frage auf die Zukunft der völkischen Bewegung gerichtet. Eine deutliche Verschiebung der philosophischen Koordinaten, darin stimmen die Kenner überein, zeichnet sich dann seit der "Einführung in die Metaphysik" ab, Heideggers erst 1953 veröffentlichter Vorlesung aus dem Sommersemester 1935, die auch wegen ihrer zahlreichen Anspielungen auf eine Krise des Nationlsozialismus und seiner offiziellen, Heidegger längst nicht mehr einschließenden Philosophie besonderes Interesse gefunden hat: "Was heute vollends als Philosophie des Nationalsozialismus herumgeboten wird", heißt es dort, "aber mit der inneren Wahrheit und Größe dieser Bewegung (nämlich mit der Begegnung der planetarisch bestimmten Technik und des neuzeitlichen Menschen) nicht das geringste zu tun hat, das macht seine Fischzüge in diesen trüben Gewässern der ,Werte' und der ,Ganzheiten'."
Gute philologische Gründe sprechen dafür, daß Heidegger die in Klammern eingeschobene Erklärung über den Zusammenhang zwischen der "Größe" des Nationalsozialismus und der Begegnung des Menschen mit der "planetarischen Technik" erst in den fünfziger Jahren geschrieben hat. Denn in allen anderen einschlägigen Passagen der "Einführung in die Metaphysik" wird die "trostlose Raserei der entfesselten Technik" noch allein "Rußland und Amerika" zum Vorwurf gemacht. Heideggers Kritik an dem - wie er gewiß hoffte: nur vorübergehend - von seinem Weg abgekommenen Nationalsozialismus blieb zunächst konzentriert auf Symptome der mangelnden Bereitschaft zur nationalen Revolution. Erst spätere Texte stützen den Eindruck, daß er nun auch den Nationalsozialismus von der entfesselten Technik befallen glaubte.
Die philosophische Bedeutung der "Einführung in die Metaphysik" aber liegt in dem dort vollzogenen, besonders deutlichen Schritt einer Umakzentuierung von den existentiellen Fragen des menschlichen Daseins hin zu den ereignishaften Umständen der Entbergung des Seins, von denen in "Sein und Zeit" nur ganz am Rand die Rede gewesen war. Zum ersten Mal in Heideggers Werk zeichnet sich 1935 eine Topik ab, die Wahrheit nicht mehr gleichsam tellurisch aus dem Schicksal des Volkes aufsteigen läßt, sondern in eine Dimension verlagert, deren hierarchische Struktur an die Inszenierung monotheistischer Offenbarung erinnert: "Die polis ist die Geschichtsstätte, das Da, in dem, aus dem und für das Geschichte geschieht. Hochragend in der Geschichtsstätte werden der Dichter, Denker, Priester, Herrscher zugleich apolis, ohne Stadt und Stätte, Einsame, Unheimliche, ohne Ausweg inmitten des Seienden im Ganzen." Mit dieser Rolle der Dichter, Denker, Priester und Herrscher scheint nun eine Philosophie auf, welche die Rolle des Daseins darauf begrenzen wird, mit Gelassenheit das sich selbst entbergende Sein "in die Acht zu nehmen".
Erstaunlicherweise ist in den unübersehbar vielen biographischen und historischen Kommentaren zur Entwicklung von Heideggers Philosophie von jenem zentralen Einschnitt in der Geschichte des Nationalsozialismus kaum die Rede, der sich zwischen dem "Scheitern des Rektorats" und der Vorlesung des Sommersemesters 1935 vollzogen hatte. Das war die Entmachtung und Ermordung der SA-Spitze am 30. Juni 1934, in der berüchtigten "Nacht der langen Messer", die Heidegger selbst in einer rückblickenden Notiz als eine Wende identifizierte. Innenpolitisch und ideologisch fand hier eine Selbstumpolung des Nationalsozialismus statt, vom "aufsteigenden" Totalitarismus der völkischen Revolution auf den hierarchisch "ragenden" Totalitarismus jenes Staats, der sich von nun an zunehmend auf die Elite-Leistungen der SS verlassen sollte.
Jener Nationalsozialismus, auf den Heidegger gesetzt hatte, war seit dem Sommer 1934 besiegt, aber damit hatte sich der Philosoph im Sommer 1935 noch nicht abgefunden. Um so bemerkenswerter, ja paradoxer ist der Befund, daß in der Topik seiner Reflexionen eine Umstellung vor sich ging, die wir als objektive, aber gewiß unbeabsichtigte Annäherung an die neue Struktur der politischen Umwelt beschreiben können. Ihr folgte dann bald eine Ausdehnung von Heideggers Technik - Kritik auf den Nationalsozialismus, an dessen "innerer Größe" er freilich unbeirrt festhielt.
In dieser sich stetig intensivierenden Konzentration auf die Technik als vernichtendes Schicksal der Menschheit, aber zunehmend auch als Ort der Selbstentbergung des Seins liegt ein zentraler Grund für die bis heute fortdauernde Faszination von Heideggers Denken. Natürlich läßt sich endlos darüber spekulieren, ob seine Philosophie auch ohne die Nähe zum Nationalsozialismus auf eine solche Bahn geraten wäre. Zeigen kann man allein, daß der Nationalsozialismus diese entscheidende Rolle in Heideggers Leben und für Heideggers Philosophie tatsächlich gespielt hat.
HANS ULRICH GUMBRECHT
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ms / Website (2.2.06 00:35) Zu Emmanuel Fayes Buch hat der Frankfurter Philosoph Alfred Schmidt einen interessanten Beitrag verfaßt: http://phainomena.de/blog/?p=69 |